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Gabriel Hacke produziert tolles Video von der ersten Probenphase

Tanzinteressierte können sich einen Eindruck von der ersten Probenphase der neuen Tanztheater Erfurt Produktion "Garantie abgelaufen" machen.  Stand: September 2008

***VIDEO ANSCHAUEN***


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TA, Sept. 07  "Alles ist Tanz"
Im Gespräch mit Ester Ambrosino, künstlerische Leiterin von Erfurts erstem Tanztheater und Sizilianerin mit unstillbarem Bewegungsdrang.


Seit Februar dieses Jahres hat Erfurt dank dir ein Tanztheater, seit wenigen Wochen auch ein Tanzzentrum im Stadtgarten?
Alles passierte viel schneller als gedacht.
Unsere Vereinsgründung im Februar, nur zwei Monate nach der ersten Produktion „mozART. Keiner liebt mich.“ Dann die Premiere von „Und warum?“ und die Einweihung des Zentrums  Anfang September – alles innerhalb von kaum einem Jahr! Es fällt mir schwer, diese Entwicklung zu überblicken.
Zumal ich bei meiner momentanen Arbeitszeit von fast 24 Stunden pro Tag noch viel zu sehr mitten drin stehe: Die starke Nachfrage für weitere Aufführungen und Kursteilnahmen, die Suche nach einer permanenten Bühne für unsere Auftritte, dann die Einrichtung des Tanzzentrums, dessen Renovierung gerade erst abgeschlossen ist …
Was ich weiß: Bei kaum einer Vorstellung gab es bisher freie Plätze. Die Leute mögen uns scheinbar (lacht).
Was zieht eine professionelle Tänzerin und Folkwang-Absolventin ausgerechnet nach Erfurt?
Zunächst die Liebe. Mein Mann ist Komponist beim kika, wir lernten uns 1993 an der Folkwang Hochschule kennen. Vor vier Jahren wurde unsere Tochter geboren, also musste ich eine Entscheidung treffen. Ich wählte eine Familie, aber ohne Tanz kann ich nicht sein. Los ging es 2004 mit Soloabenden als freiberufliche Choreografin und Tänzerin in Erfurt, Weimar, Wuppertal. Dann meine Arbeit an „mozART“, das von der Kulturdirektion der Stadt gefördert wurde. Ich merkte einfach: Hier sind viele Talente!
Also brauchte Erfurt ein Tanztheater?
Es ist unbedingt notwendig für Erfurt, ein Tanztheater zu haben. Vorher gab es einen großen Mangel. Ich weiß um die finanziellen Engpässe des Theaters, aber die Leute wollen nicht nur Opern und Operetten sehen. Sie brauchen auch einen Ausgleich. Nach den ersten Vorstellungen kamen einige zu mir und sagten: Es ist schön, auch mal so was zu erleben.
Jetzt hat das Tanztheater Zuwachs bekommen, das Tanzzentrum?
Ich bin sehr glücklich, dass wir den Tanzsaal im Stadtgarten anmieten konnten und das alles noch rechtzeitig zum Eröffnungswochenende fertig geworden ist. Viele Leute kamen zu den Kursen, weil sie von den Stücken begeistert waren. Das neue Tanzzentrum ist ein Begegnungsstätte, wo man sich ausprobieren kann. Am ersten Wochenende nahm z.B. ein 12-jähriges Mädchen mit Down Syndrom an diesem Kurs teil. Danach kam die Mutter erleichtert zu mir: Endlich hätte ihre Tochter etwas gefunden, wo sie sich wohl und normal fühlt.
Dabei können alle mitmachen: Ob dünn oder dick – ganz egal! Der Körper und auch die Persönlichkeit verändern sich durch den Tanz, werden neu geformt. Das ist es auch, was mich so begeistert: Es interessiert mich, Menschen tanzen zu sehen, nicht geformte Tänzer. Die Ergänzung von Körper und Kopf ist dabei wahnsinnig wichtig. Tanzen ist eine Entwicklungsarbeit, die nie endet.
Eine Droge, die auch dein Ensemble kennt, das inzwischen teilweise selbst Tanzstunden gibt?
Ja. An ihnen sieht man besonders deutlich, wie sehr sich durch den Tanz Persönlichkeit und Körper verändern.
Im nächsten Jahr werde ich versuchen, weitere Workshops auf die Beine zu stellen. Die Tänzer sollen noch mehr Tanzwelt schnuppern, an Wettbewerben für Soloprojekte teilnehmen. Befreundete Tanzlehrer aus London, die unsere Aufführungen besuchten, waren von der Gruppe begeistert und möchten sie unbedingt unterrichten.
Gibt es ein neues Tanztheaterstück?
Bis Dezember habe ich noch andere kleine Projekte und Choreografien laufen. Nicht nur das Tanztheater steht im Zentrum: Bei mir muss immer was passieren. Wie bei der Choreografie und Komposition für Jenny, die im August den ersten Platz des kika-Wettbewerbs „Beste Stimme 2007“ belegte. Egal ob ich mit Zwölf- oder Dreißigjährigen, für ein Musical oder ein anderes Stück arbeite:
Alles ist Tanz.
Das neue Stück an dem ich tüftle wird „Garantie abgelaufen“ heißen. Es thematisiert das Altwerden, die Konfrontation des Menschen mit dem Alterungsprozess. Die Trennung zwischen Alt und Jung scheint mir überholt. Viele Zwanzigjährige fühlen sich heute schon alt aufgrund der Anforderungen, die man an sie stellt. Dagegen nimmt der Anteil der älteren Menschen durch die höhere Lebenserwartung beständig zu. Mit 65 Jahren zählt man heute eigentlich zum neuen mittleren Alter und nicht mehr zu den Senioren. Auch die Schönheitschirurgen spielen in die Thematik mit rein, genauso wie das Tänzermilieu selbst: Für einen Tänzer ist das Leben, zumindest die aktive Laufbahn, kürzer. Die Menschen kommen mit der Tatsache, dass sie irgendwann sterben müssen, nicht so leicht zurecht. Wer mit dem Leben natürlich umgeht, bleibt ein Leben lang jung, soll die Kernaussage des neuen Stückes sein.
Bleibt überhaupt noch Zeit, Land und Leute in Augenschein zu nehmen?
Fürs Losziehen oder einen Kneipenbesuch fehlt mir einfach die Zeit. Die Erfurter finde ich interessant und sehr inspirierend. Sie zeichnen sich durch eine sehr reizvolle Mischung aus Neugier und Zurückhaltung aus. Ich hab das Gefühl, sie sind sehr ehrlich, wenn sie etwas fasziniert. Ein Zuschauer von „Warum“ kam nach der Aufführung auf mich zu: Das Stück hätte er nicht so richtig verstanden, aber es hätte ihm wirklich gut gefallen ...
Besonders wohl fühle ich mich in Erfurt, weil ich das Gefühl habe, die Leute wollen
Kunst machen. Das Bewusstsein, nach der erlebten staatlichen Kontrolle aller Lebensbereiche, auch des künstlerischen, endlich frei zu sein – etwas mit Körper, Stimme oder Instrumenten gestalten zu können – macht sie sehr offen, neues zu probieren.

Ester Ambrosino – Choreografin und Leiterin des Tanztheaters

Ester wurde 1970 in Palermo geboren, studierte dort von 1984 bis 1988 klassischen Tanz. Danach war sie am Verdi Theater in Triest, Italien, engagiert. Durch eine Aufführung von Pina Bauschs Stück „Palermo, Palermo“ setzte sie sich zum ersten Mal mit der neuen künstlerischen Richtung de Tanztheaters auseinander.
„Ich hatte keine Lust, immer nur auf Spitze zu sein,“ beschreibt sie ihre Abwendung vom klassischen Ballett. Ein Workshop bei der Tanzlegende  Pina Bausch bekräftigte sie in ihrem Vorhaben, ihrer eigenen Arbeit eine andere Richtung zu geben. 1998 schloss sie ihr Diplom am Folkwang Tanzstudio unter der Leitung von Pina Bausch ab. Es folgten Tanzproduktionen mit internationalen Choreografen wie Airaudo, Libby Nye von der „Limon
Company“, Rodolfo Leoni, Stephan  Brinkmann, und anderen. Ester war Gasttänzerin bei Pina Bausch am Tanztheater Wuppertal in „Sacre du Printemps“ und „Tannhäuser“. 1998 war sie Mitglied des Bremer Tanztheaters.
2002 wurde sie Mitglied der Catherine Diverres Company in Frankreich. Dann wurde ihre Tochter Sofia geboren. Seit 2004 arbeitet sie freiberuflich als Choreografin und Tänzerin. In Erfurt übernahm sie auch die Choreografie zu „Drei Wünsche frei“, einem Musical für Kinder von Kindern am Theater Erfurt. Im Februar 2007 gründete sie gemeinsam mit Managerin Susan Hoßfeld und elf Ensemblemitgliedern – einer bunten Mischung aus klassischen Tänzern, sowie Sängern, Schauspielern, HipHopern,
Breakdancern, Bewegungs-, Yoga- und Tai-Chi-Experten – den Verein Tanztheater Erfurt. Im Frühjahr 2007 folgte die zweite Tanztheaterproduktion „Und warum?“, ein Stück, das sich mit den Auslösern des Erfurter Amoklaufes auseinandersetzt. Mit der Eröffnung des Tanzzentrums im Stadtgarten am 8. September 2007 gelang es ihr endgültig, eine Plattform für ihre ganz eigene Vorstellung von Tanz-Schule, -Theater, -Projekten und –Pädagogik zu schaffen.

GESPRÄCH & FOTO:
KATRIN STEINKE